„Sängerlust Fleestedt u. Umgebung v. 1887“
 

Ein Männerchor im Wandel der Zeiten
 

Man schrieb das Jahr 1887. In einer gemütlichen Runde beim Gastwirt Meyer, bei dampfendem Grog und fröhlichem Gesang, hatten einige junge Männer die Idee, auch in Fleestedt einen Gesangverein zu gründen. Heinrich Eddelbüttel und Fritz Backhaus hatten Freunde und Verwandte angesprochen, zu einer Gründungsversammlung zu kommen.
Man brauchte dazu ja auch eine Satzung, das war so üblich. Aber über den Inhalt der Satzung gab es heiße Debatten. Über den Namen „Sängerlust“ konnte man sich schnell einigen. Vorangegangen waren auch für Fleestedt unruhige Zeiten.1870 wurden durch die „Höper Verteilung“ neue Besitzverhältnisse unter den Bauern geschaffen.
1871 brachte die Gründung des Deutschen Kaiserreiches durch Wilhelm I. für die Bürger des Landes ein stärkeres Nationalbewusstsein. Daraus folgten die Gründung vieler Vereine und Verbände.
 
Die 1874 eröffnete Eisenbahnlinie Hamburg – Bremen teilte Fleestedt durch den hohen Bahndamm in zwei Teile, und das brachte Probleme. Die junge Generation der Zweitgeborenen der Bauern, sowie Handwerker siedelten sich auf der Höpenseite an. Die Alten wetterten auf die erschwerten Arbeitsbedingungen und auf den Lärm der nahe vorbeifahrenden schnaufenden Eisenbahn.
 
Vielleicht wollte man durch die Gründung des Gesangvereins den Ärger mit angenehmeren Tönen ausgleichen und auf diese Weise die getrennten Fleestedter wieder zusammenführen.
 
Im Hamburger Raum war die Sängerbewegung schon einige Jahrzehnte älter. Die „Harburger Anzeigen und Nachrichten“ hatten schon 1846 vom 1. großen Sängerfest in Harburg berichtet, an dem 398 Sänger teilgenommen hatten.
 
In Fleestedt aber gewann man den Lehrer Lohmann als 1. Chorleiter. Bei Bauer Schriever ging dann das Üben auf Holzbänken los. Vorgespielt wurde auf einer Geige. Die Kassenbuchaufzeichnung vom Dezember 1889 berichtet uns, dass zum Heizen des Übungsraums für 1 Zentner Kohlen 1 Rentenmark, für 2 Pfund Petroleum 20 Pfennig, für 1 E-Geigenseite 25 Pfennig ausgegeben wurden. Der Chorleiter bekam 50 Pfennig pro Übungsstunde.
 
Die Sänger wollten nun aber ihr mühsam erarbeitetes Liedgut auch anderen Menschen zu deren Freude und Erbauung vortragen. Dazu bestand die Möglichkeit anlässlich vieler Stiftungsfeste und Konzerte in naher und ferner Umgebung.
 
Das 15. Stiftungsfest der „Sängerlust“ im Jahre 1903 war den Fleestedtern eine willkommene Gelegenheit, Gäste im neuen Vereinslokal Meyer zu empfangen. Dem damaligen Programm entnehmen wir, dass nach einem Festumzug mit 7 Gastvereinen, ein abwechslungsreiches Konzert geboten wurde. Das anschließende Unterhaltungsprogramm mit Preisschießen, Preiskegeln und anderen „ Belustigungen“ hielt viele Gäste bis in den frühen Morgen.
 
Aber auch im kleinen Rahmen gab es neben der Chorarbeit genügend Anlässe zum Singen und zum Feiern. Hochzeiten, Osterbälle, Sommer- und Herbstvergnügen fanden im Wechsel bei Meyer und Bostelmann statt . Zwei kleine Theaterstücke standen neben den Liedervorträgen immer auf dem Programm.
Einmal im Jahr nahm man an einem Sängerwettstreit teil um die Leistung zu messen und Freundschaften zu pflegen. 1931 war das letzte erfolgreiche Preissingen mit 31 Sängern in Winsen.
 
Ab 1933 folgten für die Sängerlust magere Jahre in denen das Interesse in andere Bahnen gelenkt wurde. August Lühr, der langjährige Vereinsvorsitzende, musste die Sangesbrüder immer aufrütteln, um erfolgreiche Übungsabende durchzuführen.
 
Pfingsten 1937 feierte man das Jubiläum des 50. Chorbestehens. Bei gutem Wetter wurde der Festumzug von zwei Kapellen mit je neun Mann durch das Dorf geführt.. 20 Vereine mit rund 700 Gästen fanden bei Gastwirt Gödkens (Meyer) Platz in 2 zusätzlichen Zelten. Die Verleihung der bronzenen Zelter-Plakette war der Höhepunkt des großen Jubiläums. Viele gute Liedervorträge erfreuten die Zuhörer und eine Kapelle mit 14 Musikern sorgte für viele Stunden Frohsinn,
 
Im Mai 1945 war dieser wahnsinnige Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen. Deutschland war ein rauchender Trümmerhaufen. Viele Menschen obdachlos, arbeitslos und heimatlos. Eine neue Gesellschaftsform entwickelte sich langsam.. Man legte die Hände nicht in den Schoß, man resignierte nicht, man musste und wollte neu beginnen.
 
So wurde auch bei uns, am 16.2.1946 mit Genehmigung der Militärregierung die erste Generalversammlung des Chores nach dem Kriege abgehalten. Christel Haarländer wurde für zwei Jahre zum 1. Vorsitzenden gewählt. August Ebert vertrat den noch in Gefangenschaft befindlichen Chorleiter Ernst Neumüller.
 
Die Zahl der kontaktfreudigen Einheimischen, Ausgebombten und Flüchtlinge war nach dem Krieg sehr groß. August Lühr, (bekannt als der Milchmann), der alte Vereinsvorsitzende, hatte bei der Begegnung mit alten und neuen Sangesbrüdern stets eine glückliche Hand. So fanden viele Neubürger in den Reihen der „Sängerlust“ wieder eine gesellschaftliche und musikalische Heimat. Es wurden wieder Feste gefeiert.
 
Erkrankt an den Folgen der Gefangenschaft, musste der verdienstvolle Chorleiter Ernst Neumüller 1948 nach 25jähriger Dirigententätigkeit den Stab aus der Hand legen. Als Dank erhielt der Sangesbruder Neumüller die Ehrenmitgliedschaft des Vereins verliehen.
 
Nachfolger Ferdinand Bormann, Lehrer aus Rönneburg, übernahm den Chor zu einer Zeit, in der Lebensmittel sehr knapp waren und in vielen Familien gehungert wurde. Nach seiner Zusage erhielt der neue Chorleiter jeweils vor der Übungsstunde abwechselnd bei einigen Sangesbrüdern ein gutes Abendbrot.
 
Nach harter Chorarbeit hatten die rund 60 Sangesbrüder bei einem Auftritt anlässlich des Stiftungsfestes der „Einigkeit Wilhelmsburg“ im September 1948 mit dem „Geisterschiff“ einen ganz tollen Erfolg.
 
 
Begeisterte Sänger mit guten Stimmen ermöglichten die Teilnahme an einem Groß Hamburger Sängerwettstreit am 18. September 1949 in Nienstedten in der Elbschloß-Brauerei . Ferdinand Bormann errang mit seinen 66 Sängern mit der „Gothentreue“ von Hans Wagner,in der Klasse II den 1. Preis. „Sängerlust Fleestedt“, der kleine Landverein, hatte einen nie erträumten Erfolg errungen.
 

Mit den gleichfalls von Ferdinand Bormann geführten Chören Euterpe, Frohsinn Harburg und Sängerchor bestritten wir viele kulturelle Veranstaltungen im Harburger Raum. Vernachlässigt wurden trotz aller Verpflichtungen jedoch nie die geselligen Feste und Himmelfahrtsausflüge.
 
1951 stellten sich die Fleestedter Sänger wieder dem Wettstreit in Hamburg-Nienstedten. In Klasse II brachten wir das „Trutzlied“ und wurden von der Jury mit dem 2. Platz für unsere Arbeit belohnt. Viele Einladungen zu Stiftungsfesten flatterten uns nun auf den Tisch. Wir waren voll ausgelastet.
 
Im September 1953 hatten wir noch einmal die Teilnahme zum Jubiläums-Sängerwettstreit in der Elbschloss- Brauerei beschlossen. Das bedeutete die Bereitschaft aller Sangesbrüder zu vielen harten zusätzlichen Übungsstunden. Mit 63 Sängern wagten wir uns mit der „Sonnenmotette“ von Otto Siegel in die I. Klasse und errangen den 3. Platz. Preissingen waren aber in den nächsten Jahren wegen der umfangreichen Probenarbeit bei den Sängern nicht mehr gefragt.
 
Aber es gab genügend Gelegenheiten die Leistungsfähigkeit zu beweisen. Wenn man die Höhepunkte in Erinnerung ruft, ohne die Jahreszahlen aufzuzählen, so waren das die gemeinsamen Konzerte der Chöre unter der Leitung von Ferdinand Bormann im Stadtpark, der Eberthalle und in „Planten un Blomen“ bei der IGA. Der auf unsere Anregung gegründete „Frauenchor Fleestedt“ brachte uns später ein besonders musikalisches Erlebnis, wenn wir gemeinsam „Rosen aus dem Süden“ sangen. Im Studio Maschen brachten wir die „Zecherweisheiten“ auf eine Schallplatte. Eine Tonbandchronik dokumentierte zum75.Jubiläum akustisch die Geschichte und das Vereinsleben.
 
1970 übergab Chorleiter Ferdinand Bormann den Chor nach 22 Jahren an Hanns-Jürgen
Schöneich, Musiklehrer an einer Hamburger Schule. Mit ihm setzen wir die erfolgreiche
Chorarbeit 30 Jahre fort. 65 aktive Sänger waren immer begeistert dabei, wenn an der „Blume von Hawaii“ oder an dem russischen Zyklus „Balkanfeuer“ von Otto Groll gearbeitet und erfolgreich vorgetragen wurde
 
Erfolgreiche Chorarbeit ist aber erst durch eine gute gesellschaftliche Bindung der Sangesbrüder möglich. Der Chor nimmt Anteil an besonderen Familienereignissen wie Jubiläen und Hochzeiten. Als großer Magnet haben sich über Jahrzehnte unsere Karnevalsveranstaltungen entwickelt. Zuerst in Fleestedt dann in der Burg Seevetal in Hittfeld..

Aus eigenen Mitgliedern unseres Vereins, dem Frauenchor und unserer Gruppe Sing & Swing , wird bei 4 Veranstaltungen, immer wieder Frohsinn pur dargeboten.
 
Ab 2000 übernimmt der junge, an der Musikhochschule Hamburg für Chorleitung und Orgel ausgebildete Musiker Kristof Skladanowski den Chor und bringt frischen Wind in die Übungsstunde. Ab Sommer 2006 haben wir eine neue Bleibe in einem Pavillion neben der Schule, den wir „Haus der Chöre“ genannt haben. Alle Fleestedter Chöre haben hier eine neue Heimat gefunden.
 
Unser 120–jähriges Jubiläum haben wir am 29.4.2007 in der Eberthalle in Harburg mit einem Festkonzert gefeiert. Gäste auf der Bühne waren der Mutscheider Gesangverein „Eifelklang“, der Polizeichor „Blaue Jungs“, der „Frauenchor Fleestedt“ und „Sing & Swing“ Eine bunte musikalische Palette wurde geboten und mit viel Beifall belohnt. Gefeiert wurde dann noch einige Stunden im „Haus der Chöre“ in Fleestedt.
 
„Sängerlust Fleestedt“ hat in über 125 Jahren seines Bestehens stets engagierte Vereins-vorsitzende, Vorstandsmitglieder, Chorleiter und Sänger gehabt, die durch wechselvolle Zeiten hindurch dem Verein die Treue gehalten haben. Mit Idealismus haben sie dem deutschen Lied gedient und dadurch Erbauung und Freude erfahren. Seit Gründung des Vereins ist der Donnerstag der Übungsabend, und rund fünfzig mal im Jahr gehört er zum festen Bestandteil des Sängerlebens.
Daran ändert auch durch die Vielzahl der Fernsehprogramme nichts.

 
„Sängerlust Fleestedt“ wird auch in Zukunft sangesfreudigen Menschen eine musikalische und gesellschaftliche Heimat geben.


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